Wer Matratzen-Datenblätter studiert, begegnet zwei technischen Kennzahlen, die über die tatsächliche Qualität mehr verraten als jedes Werbeversprechen: Stauchhärte und Raumgewicht. Während Härtegrad-Etiketten wie H2 oder H3 keiner Norm unterliegen und von jedem Hersteller anders vergeben werden, sind Stauchhärte und Raumgewicht physikalisch messbare Grössen: Die eine beschreibt, wie viel Kraft nötig ist, um einen Schaum einzudrücken, die andere, wie viel Material tatsächlich in ihm steckt. Zusammen entscheiden sie darüber, wie sich eine Matratze anfühlt – und vor allem, wie lange sie hält. Trotzdem werden beide Werte im Verkauf oft verschwiegen oder verwechselt. Dieser Artikel erklärt beide Kennzahlen verständlich, nennt konkrete Richtwerte für gute Qualität, zeigt die Grenzen der Zahlen – und macht Sie damit zum informierteren Käufer.
Die kurze Antwort: Das Raumgewicht (RG, in kg/m³) gibt an, wie viel Rohmasse in einem Kubikmeter Schaum steckt – es ist die wichtigste Kennzahl für Haltbarkeit: unter RG 35 droht frühes Durchliegen, ab RG 40 beginnt gute Qualität, ab RG 50 Premium. Die Stauchhärte (in kPa) beschreibt, wie fest sich der Schaum anfühlt: üblich sind 25 bis 45 kPa. Beide Werte sind unabhängig voneinander – ein fester Schaum kann billig und kurzlebig sein, ein weicher hochwertig und langlebig. Für den Kauf gilt: Raumgewicht prüfen, Liegegefühl selbst erproben.
- Raumgewicht = Materialmenge pro Kubikmeter: RG 35 ist unteres Limit, RG 40–50 solide, ab RG 50 langlebige Premium-Qualität mit 8–10+ Jahren Lebensdauer.
- Stauchhärte = Festigkeitsgefühl in Kilopascal (kPa): gemessen wird die Kraft, die den Schaum um 40 Prozent eindrückt; übliche Werte liegen bei 25–45 kPa.
- Die beiden Werte sind unabhängig: Hohe Stauchhärte bedeutet NICHT hohe Qualität – auch ein billiger Schaum kann hart sein.
- Fehlende RG-Angabe ist ein Warnsignal: Seriöse Hersteller deklarieren das Raumgewicht, Billiganbieter verstecken es.
- Zahlen ersetzen kein Probeliegen: Wie sich Einsinken und Stützung anfühlen, entscheidet sich am eigenen Körper – ideal über mehrere Wochen im eigenen Bett.
Was ist das Raumgewicht – und warum ist es so wichtig?
Das Raumgewicht (RG) beziffert, wie viel Kilogramm Rohmaterial in einem Kubikmeter aufgeschäumtem Schaum stecken. Ein Schaum mit RG 40 enthält 40 kg Material pro m³, einer mit RG 25 nur 25 kg – der Rest ist Luft. Warum das zählt: Beim Schäumen entstehen Zellwände, die bei jeder Belastung gestaucht werden und sich zurückstellen müssen. Je mehr Material diese Zellwände bilden, desto stabiler überstehen sie die rund 2'500 Nutzungsstunden pro Jahr. Ein RG-25-Schaum verliert seine Rückstellkraft oft schon nach 2 bis 4 Jahren – sichtbar als Kuhle, spürbar als durchhängende Körpermitte. Ein RG-50-Schaum hält dagegen 8 bis 10 Jahre und mehr. Das Raumgewicht erklärt damit auch einen Grossteil der Preisunterschiede: Mehr Rohstoff kostet mehr – weshalb eine 300-Franken-Matratze mit «Premium-Schaum» fast sicher ein niedriges RG hat. Wie Sie ein Durchliegen frühzeitig erkennen, zeigt der Beitrag Matratze durchgelegen erkennen.
Was ist die Stauchhärte – und wie wird sie gemessen?
Die Stauchhärte beschreibt den Widerstand eines Schaums gegen Eindrücken. Gemessen wird nach Norm (ISO 3386): Eine Prüfplatte drückt den Schaum um 40 Prozent seiner Höhe zusammen, die dafür nötige Kraft wird in Kilopascal (kPa) angegeben. Ein Schaum mit Stauchhärte 30 kPa fühlt sich mittelfest an, einer mit 45 kPa deutlich fester, unter 25 kPa weich. Wichtig ist das Zusammenspiel mit der Kennlinie: Gute Schäume verhalten sich progressiv – sie geben anfangs leicht nach (angenehmes Einsinken von Schulter und Hüfte) und bauen bei tieferem Eindrücken zunehmend Gegendruck auf (Stützung der Körpermitte). Genau diese Progression unterscheidet hochwertige adaptive Schäume von simplen Blockschäumen, die linear nachgeben. Die Stauchhärte ist übrigens das, was Härtegrad-Etiketten eigentlich abbilden müssten – nur dass H1 bis H5 keiner verbindlichen Messnorm folgen. Warum das ganze Härtegrad-System deshalb wenig taugt, lesen Sie im Artikel Warum Härtegrade überholt sind.
Der entscheidende Punkt: Beide Werte sind unabhängig
Der häufigste Denkfehler beim Matratzenkauf: Festigkeit mit Qualität zu verwechseln. Tatsächlich lassen sich Raumgewicht und Stauchhärte in der Produktion weitgehend unabhängig einstellen. Es gibt harte Billigschäume (RG 25, 40 kPa), die sich beim Probeliegen «robust» anfühlen und nach drei Jahren durchgelegen sind. Und es gibt weiche Premiumschäume (RG 55, 25 kPa), die sich anschmiegsam anfühlen und ein Jahrzehnt halten. Die Festigkeit sagt also etwas über das Liegegefühl heute, das Raumgewicht etwas über das Liegegefühl in fünf Jahren. Für die Kaufentscheidung heisst das: Beurteilen Sie die Festigkeit mit dem eigenen Körper (am besten über Wochen), aber prüfen Sie die Haltbarkeit über das deklarierte Raumgewicht. Fehlt die RG-Angabe im Datenblatt, fragen Sie nach – und werten Sie ein Ausweichen als das, was es meist ist: ein Hinweis auf gespartes Material. Was gute Qualität kosten darf, ordnet der Beitrag Was kostet eine gute Matratze? ein.
| Raumgewicht | Qualitätsstufe | Erwartbare Lebensdauer | Typischer Einsatz |
|---|---|---|---|
| RG 20–30 | Niedrig | 2–4 Jahre | Gästematratzen, Budget-Ware |
| RG 35 | Untere Mittelklasse | 4–6 Jahre | Einstiegsmodelle |
| RG 40–45 | Solide Qualität | 6–8 Jahre | Gute Alltagsmatratzen |
| RG 50–60 | Premium | 8–10+ Jahre | Hochwertige Marken-Kerne |
| RG 65+ | Spitzenklasse | 10–12 Jahre | Viscoschaum- und Latex-Spitzenprodukte |

Richtwerte in der Praxis: Welche Zahlen für wen?
Für die allermeisten Erwachsenen ist ein Kern mit RG 40 bis 55 die vernünftige Basis – er kombiniert Haltbarkeit mit bezahlbarem Preis. Menschen mit höherem Körpergewicht ab etwa 90 kg profitieren besonders von RG 50+, weil die Zellstruktur unter höherer Last schneller ermüdet; hier lohnt der Aufpreis doppelt. Bei der Stauchhärte gibt es kein «richtig» im Datenblatt: Ob sich 28 oder 38 kPa besser anfühlen, hängt von Körperbau, Gewichtsverteilung und Schlafposition ab – und lässt sich nur durch Liegen herausfinden. Achten Sie zusätzlich auf die Kernhöhe: Ein hochwertiger Schaumkern sollte mindestens 14 cm messen, die Gesamthöhe der Matratze 18 bis 25 cm – zu flache Kerne schlagen bei schwereren Partien durch. Bei mehrschichtigen Matratzen gilt: Die Angaben müssen pro Schicht vorliegen; ein dünner Premium-Topper über einem RG-25-Basisschaum bleibt eine kurzlebige Konstruktion. Wie diese Kennzahlen speziell bei Kaltschaum zusammenspielen, vertieft der Artikel Kaltschaum-Raumgewicht erklärt.
Häufige Fehler beim Umgang mit den Kennzahlen
Fehler 1: Härte als Qualitätsbeweis werten – «schön fest» sagt nichts über Haltbarkeit. Fehler 2: RG-Angaben von Bezug und Kern verwechseln; manche Anbieter bewerben das Raumgewicht einer dünnen Komfortschicht, während der tragende Kern billig ist. Fehler 3: Auf «bis zu»-Formulierungen hereinfallen («RG bis 50» kann RG 35 im Schnitt bedeuten). Fehler 4: Stauchhärte-Angaben über Materialtypen hinweg vergleichen – 30 kPa fühlen sich bei Kaltschaum, Viscoschaum und Latex unterschiedlich an, weil Rückstellverhalten und Temperaturabhängigkeit verschieden sind. Fehler 5: Nur auf Zahlen kaufen und das Probeliegen auslassen – kein Datenblatt ersetzt zwei Wochen echte Nächte. Fehler 6: Das Zusammenspiel mit dem Lattenrost ignorieren; ein durchhängender Rost lässt auch den besten RG-55-Kern schlecht aussehen. Mehr zu typischen Fallstricken bietet der Beitrag Die häufigsten Fehler beim Matratzenkauf.
Warum moderne Schäume die Diskussion verändern
Die klassische Logik – hier weicher Komfortschaum, dort harter Stützschaum – stammt aus einer Zeit, in der Schäume weitgehend linear reagierten. Moderne Hochleistungsschäume wie EvoPoreHRC arbeiten anders: Ihre Zellstruktur ist so konstruiert, dass sie bei geringem Druck nachgiebig reagiert und unter höherer Last progressiv Gegendruck aufbaut. Das Resultat: Schulter und Becken sinken angenehm ein, die Körpermitte bleibt gestützt – bei leichten wie bei schweren Personen, ohne dass dafür verschiedene Härtevarianten nötig wären. Hohe Raumgewichte sichern dabei die Langlebigkeit, während die adaptive Kennlinie das übernimmt, was früher über Härtegrad-Auswahl gelöst werden sollte. Für Käufer bedeutet das eine Vereinfachung: Statt zwischen H2 und H3 zu rätseln, prüft man die deklarierten Materialkennzahlen – und testet das adaptive Verhalten schlicht im eigenen Bett. Einen Überblick über dieses Konzept gibt der Beitrag Adaptive Matratzen: die Zukunft des Schlafens.
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Häufige Fragen zu Stauchhärte und Raumgewicht
Welches Raumgewicht sollte eine gute Matratze haben?
Als Faustregel: mindestens RG 40 für den täglichen Gebrauch, RG 50 und mehr für Premium-Ansprüche und Personen ab etwa 90 kg. Unter RG 35 muss mit frühem Durchliegen innerhalb weniger Jahre gerechnet werden.
Was bedeutet die Stauchhärte in kPa?
Die Stauchhärte gibt an, wie viel Druck nötig ist, um den Schaum um 40 Prozent seiner Höhe einzudrücken. Übliche Werte liegen zwischen 25 kPa (weich) und 45 kPa (fest). Sie beschreibt das Festigkeitsgefühl, sagt aber nichts über Qualität oder Haltbarkeit aus.
Ist eine höhere Stauchhärte besser für den Rücken?
Nein, pauschal nicht. Entscheidend ist, dass Schulter und Becken einsinken können, während die Körpermitte gestützt bleibt – das hängt vom Zusammenspiel aus Körperbau und Materialkennlinie ab. Zu feste Matratzen verursachen ebenso Probleme wie zu weiche.
Woran erkenne ich minderwertigen Schaum?
An fehlenden oder ausweichenden Raumgewichts-Angaben, sehr niedrigen Preisen bei grossen Qualitätsversprechen, geringer Kernhöhe unter 14 cm und schwammiger Rückstellung: Bleibt ein Handabdruck sichtbar länger stehen, obwohl es kein Viscoschaum ist, spricht das für ermüdetes oder billiges Material.
Sind Raumgewicht und Härtegrad dasselbe?
Nein. Das Raumgewicht misst die Materialdichte und damit die Haltbarkeit, der Härtegrad soll die Festigkeit beschreiben – ist aber nicht genormt und von Hersteller zu Hersteller verschieden. Die Stauchhärte in kPa wäre die messbare Festigkeitsangabe.
Gelten die RG-Richtwerte auch für Latex und Viscoschaum?
Die Logik ja, die Zahlen nicht: Latex arbeitet produktionsbedingt mit deutlich höheren Raumgewichten von 65 bis 95 kg/m³, hochwertiger Viscoschaum mit 50 bis 85 kg/m³. Vergleichen Sie RG-Werte deshalb immer nur innerhalb derselben Materialkategorie.










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