Es ist kurz vor Mitternacht, als aus dem Kinderzimmer ein markerschütternder Schrei kommt: Das Kind sitzt aufrecht im Bett, die Augen weit offen, schweissgebadet, es schlägt um sich und scheint die eigenen Eltern nicht zu erkennen. Nach 5 bis 15 Minuten ist der Spuk vorbei – das Kind schläft weiter, als wäre nichts gewesen, und erinnert sich am Morgen an nichts. Was Eltern als traumatisches Erlebnis abspeichern, ist medizinisch meist ein Nachtschreck, fachsprachlich Pavor Nocturnus. Etwa jedes drittes bis fünfte Kind erlebt zwischen dem 2. und 7. Lebensjahr mindestens eine solche Episode; regelmässig betroffen sind deutlich weniger. Die wichtigste Botschaft vorweg: Der Nachtschreck ist keine psychische Störung, kein Zeichen von Traumata und für das Kind selbst nicht belastend – es schläft während der gesamten Episode. Dieser Ratgeber erklärt, was im Gehirn passiert, wie Sie im Moment richtig reagieren und mit welchen Massnahmen Sie die Häufigkeit senken.
Die kurze Antwort: Der Nachtschreck ist eine harmlose Aufwachstörung aus dem Tiefschlaf, typisch in den ersten 1 bis 3 Stunden nach dem Einschlafen. Das Kind schläft dabei – wecken Sie es nicht und halten Sie es nicht fest. Bleiben Sie ruhig in der Nähe, sichern Sie die Umgebung und warten Sie die Episode ab; sie endet von selbst nach 5 bis 15 Minuten. Vorbeugen lässt sich vor allem über ausreichend Schlaf und regelmässige Bettzeiten, denn Übermüdung ist der häufigste Auslöser.
- Der Nachtschreck tritt im Übergang aus dem Tiefschlaf auf – meist 1 bis 3 Stunden nach dem Einschlafen, im Gegensatz zum Albtraum in der zweiten Nachthälfte.
- Das Kind ist nicht wach, erkennt niemanden und erinnert sich am Morgen nicht – belastend ist die Episode für die Eltern, nicht fürs Kind.
- Richtig reagieren heisst: nicht wecken, nicht festhalten, ruhig dabei bleiben und Verletzungsgefahren aus dem Weg räumen.
- Häufigste Auslöser: Übermüdung, unregelmässige Bettzeiten, Fieber, sehr aufregende Tage – hier setzt die Vorbeugung an.
- Ärztliche Abklärung ist sinnvoll bei Episoden mehrmals pro Woche, Auftreten nach dem 12. Lebensjahr oder Verdacht auf Atemaussetzer.
Was beim Nachtschreck im Gehirn passiert
Der Nachtschreck gehört zu den sogenannten Parasomnien – Störungen, die im Übergang zwischen Schlafstadien entstehen. Kinder verbringen deutlich mehr Zeit im Tiefschlaf als Erwachsene: In den ersten Stunden der Nacht dominieren lange Tiefschlafphasen, in denen das Gehirn kaum auf Aussenreize reagiert. Beim Wechsel aus diesem Tiefschlaf in leichtere Phasen kann es zu einem Teilerwachen kommen: Teile des Gehirns – vor allem motorische und emotionale Zentren – fahren hoch, während Bewusstsein und Erinnerung weiterschlafen. Das Resultat: Schreien, weit geöffnete Augen, Herzrasen von 120 bis 170 Schlägen pro Minute, Schwitzen und Abwehrbewegungen – bei vollständig fehlender Ansprechbarkeit. Weil das Erinnerungszentrum offline bleibt, weiss das Kind am Morgen nichts von der Episode. Genau darin liegt der Trost: Das dramatische Bild täuscht. Die Nervensysteme von Kindern wachsen unterschiedlich schnell in die stabile Schlafarchitektur hinein – mit der Reifung verschwinden die Episoden fast immer von selbst, meist bis zum Schulalter. Mehr zur Architektur der Nacht lesen Sie im Beitrag über die Schlafphasen.
Nachtschreck oder Albtraum? Der entscheidende Unterschied
Die Verwechslung ist häufig, die Reaktion aber grundverschieden – deshalb lohnt der genaue Blick.
| Merkmal | Nachtschreck | Albtraum |
|---|---|---|
| Zeitpunkt | Erste 1–3 Stunden nach dem Einschlafen | Zweite Nachthälfte (REM-Schlaf) |
| Zustand des Kindes | Schläft, nicht ansprechbar, erkennt niemanden | Wacht auf, ist ansprechbar, sucht Trost |
| Erinnerung am Morgen | Keine | Oft detailliert |
| Dauer | 5–15 Minuten, endet abrupt | Kurz, aber Einschlafen danach schwierig |
| Richtige Reaktion | Nicht wecken, sichern, abwarten | Trösten, beruhigen, dabei bleiben |
Wacht Ihr Kind also weinend auf und will kuscheln, war es ein Albtraum – wie Sie dann reagieren, zeigt unser Beitrag Albträume verstehen. Schreit es unansprechbar mit offenen Augen, ist es fast immer ein Nachtschreck.

Richtig reagieren: der 4-Punkte-Plan für den Akutfall
Erstens: Ruhe bewahren und beim Kind bleiben. Ihr Kind leidet nicht – es schläft. Atmen Sie durch und beobachten Sie, statt einzugreifen. Zweitens: Nicht wecken. Wecken verlängert die Episode oft, weil das Kind verwirrt und desorientiert aufschreckt und dann tatsächlich Angst bekommt. Sprechen Sie höchstens leise und beruhigend, ohne Antworten zu erwarten. Drittens: Nicht festhalten. Festhalten wird vom schlafenden Gehirn als Bedrohung verarbeitet und verstärkt die Abwehr – hier entstehen die meisten Kratzer und blauen Flecken. Halten Sie stattdessen schützend die Hände in der Nähe. Viertens: Umgebung sichern. Räumen Sie harte Gegenstände vom Bettrand, schieben Sie das Kind sanft von der Bettkante weg, sichern Sie bei wiederholten Episoden Treppen mit einem Gitter und Fenster mit Kindersicherungen – besonders wichtig, wenn zum Nachtschreck auch Schlafwandeln kommt, das derselben Störungsfamilie angehört (siehe Schlafwandeln: Ursachen). Nach der Episode: Kind zudecken, Licht aus, selbst wieder ins Bett. Kein Gespräch am Morgen aufdrängen – das Kind kann sich nicht erinnern und würde nur verunsichert.
Auslöser kennen und gezielt vorbeugen
Nachtschreck-Episoden häufen sich, wenn der Tiefschlaf besonders tief oder fragmentiert ist. Der mit Abstand wichtigste Faktor ist Übermüdung: Ein Kind, das chronisch 30 bis 60 Minuten zu wenig schläft, fällt in kompensatorisch tieferen Tiefschlaf – und genau dort entstehen die Teilerwachen. Prüfen Sie deshalb zuerst die Schlafmenge anhand unserer Übersicht der Schlafenszeiten nach Alter und ziehen Sie die Bettzeit versuchsweise um 30 Minuten vor – bei vielen Kindern halbiert das die Episoden innert zwei Wochen. Weitere typische Auslöser: unregelmässige Bettzeiten (Wochenende!), Fieber und Infekte, sehr aufregende oder reizüberflutete Tage, eine volle Blase sowie ein zu warmes Schlafzimmer – ideal sind 17 bis 19 °C. Auch ein wiederkehrendes Muster lässt sich nutzen: Treten die Episoden fast immer zur gleichen Zeit auf, kann gezieltes kurzes Anstupsen 15 bis 30 Minuten vorher («scheduled awakening») den Schlafzyklus unterbrechen und die Episode verhindern – diese Methode sollten Sie aber nur über einige Wochen und bei häufigen Episoden anwenden.
Wann zum Kinderarzt?
Der Nachtschreck ist in aller Regel harmlos und verschwindet mit der Zeit von selbst. Es gibt aber Konstellationen, die eine Abklärung verdienen. Dazu gehören: Episoden mehrmals pro Woche über längere Zeit; erstmaliges Auftreten nach dem 12. Lebensjahr oder Fortbestehen bis in die Pubertät; Episoden, die länger als 30 Minuten dauern; Verletzungen oder Verlassen des Betts mit Sturzgefahr; sowie Hinweise auf eine gestörte Atmung – lautes Schnarchen, Atempausen oder Mundatmung, denn eine unbehandelte Schlafapnoe kann Parasomnien begünstigen. Auch wenn tagsüber Auffälligkeiten bestehen – starke Müdigkeit, Konzentrationsprobleme, Einnässen nach bereits trockener Phase – lohnt das Gespräch mit der Kinderärztin. Führen Sie vorab zwei Wochen ein einfaches Protokoll: Einschlafzeit, Uhrzeit und Dauer der Episoden, Besonderheiten des Tages. Damit lässt sich in der Sprechstunde meist schnell einordnen, ob alles im Rahmen ist – und den allermeisten Familien wird genau das bestätigt.

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Häufige Fragen zum Nachtschreck bei Kindern
Ist der Nachtschreck gefährlich für mein Kind?
Nein. Der Nachtschreck ist eine harmlose Reifungserscheinung des kindlichen Schlafs. Das Kind schläft während der Episode, leidet nicht und erinnert sich am Morgen nicht daran.
Soll ich mein Kind beim Nachtschreck wecken?
Nein. Wecken verlängert die Episode meist und verwirrt das Kind zusätzlich. Bleiben Sie ruhig in der Nähe, sichern Sie die Umgebung und warten Sie ab – die Episode endet nach 5 bis 15 Minuten von selbst.
In welchem Alter tritt der Nachtschreck auf?
Am häufigsten zwischen dem 2. und 7. Lebensjahr, mit einem Höhepunkt im Kindergartenalter. Bis zum Schulalter verschwinden die Episoden bei den allermeisten Kindern vollständig.
Woran erkenne ich den Unterschied zwischen Nachtschreck und Albtraum?
Beim Nachtschreck ist das Kind nicht ansprechbar, die Episode liegt in den ersten Nachtstunden, und es fehlt jede Erinnerung. Nach einem Albtraum ist das Kind wach, sucht Trost und kann oft erzählen, was es geträumt hat.
Was löst einen Nachtschreck aus?
Die häufigsten Auslöser sind Übermüdung, unregelmässige Bettzeiten, Fieber, aufregende Tage und ein zu warmes Zimmer. Eine um 30 Minuten frühere Bettzeit reduziert die Episoden bei vielen Kindern deutlich.
Wann sollten wir ärztlichen Rat einholen?
Bei Episoden mehrmals pro Woche, Dauer über 30 Minuten, Auftreten nach dem 12. Lebensjahr, Verletzungsgefahr oder Hinweisen auf Schnarchen und Atempausen. Ein zweiwöchiges Schlafprotokoll erleichtert die Einordnung in der Praxis.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Beratung.











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